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Die beste Möglichkeit, erwachsen zu werden: Mein erster Auslandsaufenthalt

Es ist jetzt schon ein paar Jahre her seit ich zu meinem ersten Auslandsabenteuer aufbrach; ohne meine Freunde und weit weg von „Mama“. Es war im Jahr 2007. Ich hatte gerade mein Abitur abgelegt, als ich nach Montreal, Kanada, ging. Ich hatte mich dazu entschieden, Romanistik zu studieren. Aber bevor es losgehen konnte musste ich mein Französisch auffrischen. Ich hatte bereits sechs Jahre Französischunterricht in der Schule, allerdings war meine letzte Stunde zwei Jahre her. Ich hätte auch einfach nach Frankreich gehen können. Aber als Weltenbummler, der ich schon damals war, wäre mir das natürlich viel zu langweilig gewesen! Also entschied ich mich für Kanada: Montreal sollte es sein!
Ich kann nicht beschreiben, was mir alles durch den Kopf ging, als ich allein am Flughafen saß und über all das nachdachte, was ich hinter mir gelassen hatte und was jetzt vor mir lag. Und schon ging das Abenteuer los: Mein erster Flug von Frankfurt nach London hatte Verspätung, wodurch ich nur sehr wenig Zeit hatte um in Heathrow von einem Terminal zum anderen zu gelangen. Ich habe dort ein paar andere Deutsche getroffen, die ebenfalls in Eile waren, um ihren Anschlussflug zu erreichen. Gemeinsam haben wir schließlich herausgefunden, wie wir schnell ans andere Terminal gelangten: Wir mussten den Bus nehmen! Da wir ja in Großbritannien waren, fuhr der Bus auf der linken Seite der Straße, was einige der Deutschen im Bus ziemlich schockierte. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt nur daran, was ich machen würde, wenn ich meinen Flug verpassen würde: Zum Glück lief alles gut und ich kam sicher in Kanada an.
Gleich nach der Ankunft schnappte ich meine zwei riesigen Koffer (ja, damals war es noch erlaubt, zwei Gepäckstücke zu haben!) und ich fand sofort den Mitarbeiter der Sprachschule, der mich vom Flughafen abholte. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte es nicht besser laufen können und ich hatte noch die Hoffnung, zeitig in meiner Gastfamilie anzukommen und „früh“ schlafen gehen zu können (man muss die Zeitverschiebung zwischen Deutschland und Kanada bedenken!). Aber ich sollte mein Bett nicht so schnell erreichen, weil wir noch auf zwei Jungs warten mussten, die zur gleichen Zeit ankommen sollten und auch in der Sprachschule sein würden. Und sie kamen einfach nicht! Ich weiß gar nicht mehr, wie lange wir warten mussten, bis wir sie endlich gefunden haben! Von beiden war das Gepäck nicht angekommen, was die Verspätung verursachte. Ich war sehr froh, dass ich für derartige Situationen vorbereitet war und eine „Notfallausrüstung“ im Handgepäck hatte, aber es tat mir auch für die beiden Leid, die nicht mal eine Zahnbürste hatten.
Als ich endlich bei meiner Gastmutter ankam, war es bereits nach Mitternacht (nach kanadischer Zeit), was bedeutet, dass meine innere Uhr auf Frühstückszeit gestellt war, aber ich wollte einfach nur schlafen. Die ersten Tage in meinem neuen, wenn auch vorübergehenden, Zuhause hatte ich Zeit, die Gegend zu erkunden und erstmal richtig anzukommen. Schon bald ging die Schule los. Am ersten Tag hatten wir Einstufungstests, um unsere Sprachniveaus zu bestimmen. Dann ging die Schule richtig los. Vier Wochen lang hatte ich Französischunterricht am Vormittag und einen Vorbereitungskurs für mein Praktikum am Nachmittag. Die Vormittagskurse waren spaßig und interessant, aber die Kurse am Nachmittag waren ein bisschen merkwürdig, denn es waren nur Lena, eine andere Deutsche, und ich, die diesen Kurs belegten. Allerdings haben wir in dieser kleinen Gruppe auch eine Menge gelernt und Lena wurde eine gute Freundin!
Die Sprachschule bot sowohl Englisch- als auch Französischkurse an und ich war froh darüber, dort so viele interessante Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen. Leider waren die sozialen Netzwerke damals noch nicht ganz so populär wie heute, sodass ich keinen Kontakt mehr zu den Leuten habe, die ich in Kanada kennen gelernt habe. Ich würde heute gerne einige der Leute mal wieder treffen und sehen, wie wir uns alle im Laufe der Jahre verändert haben.
Nach dem vierwöchigen Sprachkurs begann mein Praktikum bei AMARC, einer Organisation, die weltweit mit freien Radiosendern zusammen arbeitet. Ich musste Audiodateien schneiden, Internetseiten aktualisieren und zwischen Englisch und Französisch übersetzen. Diese erste Arbeitserfahrung hat mir wirklich Spaß gemacht.
Die Schule hat viele Ausflüge für uns organisiert, jeden Tag etwas anderes: Von Gruppenessen, über Pick-Nick, von Sportveranstaltungen über Nachtleben, von New York bis nach Toronto. Das Angebot war einfach unglaublich! Ein Wochenende verbrachten wir in New York, ein anderes in Toronto und bei den Niagara Fällen. Dieser Tag an den riesigen Wasserfällen war definitiv der schönste Tag meines Lebens und das gilt noch immer, auch sieben Jahre später noch, nachdem ich viele andere Teile der Welt gesehen und tolle Menschen kennen gelernt habe! Aber dieses Erlebnis, an einem wunderschönen Ort zu sein mit Menschen, die man ins Herz geschlossen hat, ist etwas, das nicht allzu oft im Leben vorkommt.
Nach zwei einfach unglaublichen Monaten mussten wir traurig Abschied nehmen. Und was uns allen bleibt sind viele schöne Erinnerungen an die ersten großen Herausforderungen im Leben und an eine Zeit, die mich erwachsen und unabhängiger hat werden lassen.
Diese Erfahrung hat mich verändert, mir geholfen, mich selbst besser kennenzulernen und ich hatte die beste Zeit meines Lebens!

PS: Einer meiner beiden Koffer hatte es im Übrigen nicht mit mir nach Deutschland zurück geschafft. Er war noch in London.